Als am 9. Juli das Ergebnis kam, dass die Tumorzellen der Leukämie aus meinem Knochenmark verschwunden sind, hat man mir auch mitgeteilt, dass ich am nächsten Tag nach Hause darf und die Isolation mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird. Ich habe geweint. Und geweint. Und ich konnte nicht damit aufhören. Während meines fünfwöchigen Aufenthaltes im Krankenhaus war dies der erste Tag, an dem ich keinen Besuch hatte. Ich habe die Familie gebeten, sich keinen Kopf darüber zu machen. Botond (es wäre sein Tag gewesen) war in Ungarn, Luca hat sich auf Prüfungen vorbereitet und Balázs konnte nicht wieder von den Sprechstunden wegfahren. Mir ging es gut, ich habe auf Besuch verzichten können. Also habe ich geweint, die verdrängten Tränen der letzten fünf Wochen. Und ich konnte es nur durch das Telefon mitteilen. Die Augen der Krankenschwestern haben gelacht (das einzige, was man wegen der Maske sieht), es gab welche, die mich gestreichelt haben und welche, die mich am liebsten umarmt hätten, es aber nicht durften. Gegen sechs Uhr hat mir Luca dann eine Sporttasche gebracht, damit ich zusammenpacken konnte. Zu dem Zeitpunkt habe ich immer noch geweint. Und sie auch. Es gab einige glückliche Momente in meinem Leben, aber das Gefühl, zu wissen, dass der Krebs weg ist und ich vielleicht mein ganzes Leben zurückgewinne, war ein beflügelter Moment. Auf dem Weg zurück zur Station habe ich vor der Kirche angehalten. Die Tür lässt sich vom Gang aus öffnen. Ich war schon einmal hier, am Anfang, als ich die erste Chemo bekommen habe. Dann bin ich hineingegangen, wunderschöne Orgeltöne erklangen. Ich habe so eine Katharsis durchlebt, ich konnte nicht mit dem Weinen aufhören. Nicht wegen der Leukämie, sondern weil es so überwältigend war. Ich habe nur geweint. Eine Nonne ist zu mir gekommen. Sie hat meinen Arm berührt, der voller blauer Flecken war und damals hatte ich noch eine Kanüle.

-Chemo? -Ja. -Ich bete für Sie. Kommen Sie zum Gottesdienst um halb 7. —

Ich bin hingegangen. Danach habe ich mich des Öfteren hineingeschlichen, auch auf die Empore, wenn ich das Gefühl hatte, gerufen zu werden oder den Drang dazu verspürt habe, es haben mich nur drei Stockwerke von der Tür getrennt. Manchmal haben wir einen Teil der Besuchszeit dort verbracht. Wir unterhielten uns leise und ließen uns reinigen.

Jetzt, wo sie mir mitgeteilt haben, dass ich den ersten lebensgefährlichen Teil hinter mir habe, bin ich wieder in die Kirche gegangen. Es erklangen wieder genauso wunderschöne Orgeltöne, ich war alleine und habe nur geweint. Ich habe mich bemüht, Worte aus mir herauszubekommen, mich zu bedanken, Gott zu loben und die Engel, denn sie gaben mir diese große Kraft, mit der ich das durchgemacht habe und sie haben mir die Möglichkeit gegeben, gesund zu werden. Und an dieser Stelle würde ich mich gerne bei jedem bedanken, der für mich gebetet hat, an mich gedacht hat, mir die Daumen gedrückt hat, um mich geweint hat, helfen wollte, mit ein paar aufmunternden Worten, einem motivierenden Büchlein, einem Herzchen, mit Karaván Parenyica Käse und mit den vielen tollen Kopftüchern oder damit, dass er meiner Familie auf irgendeine Art und Weise geholfen hat. Zusammen kann man den größten Erfolg erreichen. LIEBE kann Wunder vollbringen. Ich wünschte, das würde auch im Alltag klappen, nicht nur im Notfall. Aber ihr, alle, die mich kennen, wissen, dass ich das immer versuche. Viele von euch meinen, ich wäre naiv, aber ich kenne das Geheimnis. Ihr könntet mir langsam glauben. ❤️

10.07.2020

Ich habe gepackt. Die Sachen aus meinem Nachtkästchen haben nicht in die Tasche gepasst. Dafür, dass ich mit Klamotten zum einmaligen Umziehen gekommen bin, habe ich es geschafft, kaltes Essen für zwei Wochen aufzuhäufen. Natürlich hätte ich es gegessen, wenn ich gedurft hätte, die Isolation hat mir fast alles verboten. Man könnte sagen, ich habe die Station tanzend verlassen. 🙂

Ahha. Im Auto habe ich mich nicht getraut, irgendetwas anzufassen. Wenn doch, habe ich meine Hände sofort desinfiziert. Balázs konnte nicht losfahren. Er hat mich umarmt und nur geweint. Ich bringe dich nach Hause – das hat er immer wieder gesagt. Es war sehr berührend. So ein großer Mensch und er weint. Verständlicherweise war es nicht egal, wie er mich nach Hause bringt, es war leider denkbar, dass er eine Urne statt mir bekommt. Es hat ein paar Kilometer gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich die Maske abnehmen kann. Was für ein befreiendes Gefühl!!!

Einen Kilometer von zu Hause entfernt habe ich Luca geschrieben, dass wir gleich da sind. Lenke haben wir nicht eingeweiht, sie hat sich auf den Nachmittagsbesuch eingestellt. Luca hat ihr gesagt, sie soll vor die Garage gehen. Sie hat nicht verstanden wieso, aber Luca hat gefilmt, weshalb sie sich nicht getraut hat, zu widersprechen. Vor der Garage hat sie mich gesehen, ist mir um den Hals gefallen und hat geweint. Ich glaube, sie hat auch fünf Wochen verdrängt. Wenn ich herausfinde, wie man Fotos, Videos hochlädt, dann lade ich es hoch. Es bring wirklich Tränen in die Augen………………………. Lenke ist zurückhaltend, redet nicht wirklich über ihre Gefühle, die dann eher auf eine andere Art zum Vorschein kommen: vom Wutanfall und Herumnörgeln bis zum In-Sich-Zurückziehen. Die Arme war in den letzten 5 Wochen sehr oft alleine, sie durfte mich nur zweimal besuchen, Papa hat die Vormittage entweder bei mir verbracht oder gearbeitet. Normalerweise war sie vormittags alleine mit dem Hund. Das Homeschooling lief auch nicht wirklich, weil sie sich nach Gesellschaft sehnte, es passierte oft, dass sie beim abendlichen Telefonat noch mit Papa Mathe machten.

Diese Phase hat uns alle auf die Probe gestellt. Ich habe gesagt, sie sollen sich um mich keine Sorgen machen, ich mache meine Arbeit hier, sie sollen sie zu Hause machen und ich mache mir auch keinen Kopf darüber, was zu Hause abläuft, dass sie die Wäsche nicht so aufhängen oder etwas so aufräumen, wie ich es machen würde, jetzt ist es mir egal. Daran haben wir uns auch gehalten. Ich zumindest. Aber zu Hause lief auch alles gut. Botond wurde zur Putz- und Aufräummaschine. Alles musste auf seinem Platz sein, er räumte auf, und beschwerte sich sogar wie ich es immer tue, er saugte Staub, putzte Waschbecken und Toiletten, als eine Art Kompensation. Zudem hat er zwei Tage in der Woche gearbeitet, man könnte fast sagen, dass er meine Aufgaben auf der Arbeit übernommen hat, wo er extrem viel Information verarbeiten musste, Arbeitsabläufe einstudieren musste und wo er, wie ich hörte, seine Aufgaben zu über 100% erfüllt hatte. Donnerstags hat er mich besucht. Manchmal habe ich ihn nur darum gebeten, meinen Fuß zu streicheln oder meinen Rücken, manchmal habe ich ihn früher weggeschickt, weil ich sehr müde war oder weil ich Fieber bekommen habe und eingeschlafen bin. Luca hat lange Wochenenden übernommen, hat versucht, für mehrere Tage zu kochen und sie hat auch geputzt beziehungsweise versucht, etwas mit Lenke zu unternehmen. Sie sind zum Frühlings- und Sommershopping gegangen, sie hat beim Aussortieren des Kleiderschranks geholfen und hat sie für ein paar Tage mit nach Regensburg genommen, damit sie nicht alleine ist. Neben den Vorbereitungen für Uniprüfungen arbeitet auch sie zwei Tage in der Woche, zuverlässig, das Maximum bringend. Luca ist montags zu Besuch gekommen. Die Arme hat mehr Leid gesehen, es gab Phasen, in denen ich sehr hohes Fieber hatte, aber auch welche, an denen sie mir den Rücken streichelte, während ich mich übergeben musste. Von Zeit zu Zeit hat sie mir Haferbrei vorbeigebracht, das konnte ich zumindest essen, obwohl ich zugeben muss, dass es manchmal vorkam, dass ich zwei Portionen gegessen habe. 🙂 Balázs………..ich habe nur gesehen, dass er immer müder wird. Unter der Maske wurden seine Augen immer kleiner, immer mehr voller Falten, mitgenommener, das Funkeln in seinen Augen ist verschwunden. Neben seinem Job, der alles von einem abverlangt, ist alles über ihn zusammengestürzt. Mit den Besuchszeiten ist der Tag 4-5 Stunden kürzer geworden. Wäsche waschen, einkaufen, kochen, Lenke in die Schule fahren, besuchen. Die Großen haben sehr oft mitgeholfen, aber das Organisieren blieb auf ihm liegen. Je besser es mir im Krankenhaus ging, desto mehr habe ich ihn bedauert, es hat mir das Herz zerrissen. Gelegentlich habe ich zu ihm gesprochen und er ist im Sitzen eingeschlafen. An den Wochenenden ging es mir meistens schlecht. Stundenlang hat er die kalten Tücher auf mir gewechselt, um mein Fieber zu senken. Ich bin oft eingeschlafen. Aber als ich meine Augen aufgemacht habe, saß er da und hat mich angeschaut. Seine Augen lächelten meistens. Ab und an musste er mir dabei zusehen, wie ich mich vor lauter Magenkrämpfen herumwälzte. Und er konnte nicht schlafen. Beim Besuch im Garten legte er sich auf meinen Schoß, dort gewann er fünf bis zehn Minuten und ich habe mich kaum getraut Luft zu holen. Das waren die nach langer Zeit am meisten zu zweit verbrachten Stunden. Ich hatte Angst, nicht, dass er auch zusammenbricht. Er besuchte 5-Mal die Woche.

Es gab auch traurige-witzige Momente. Ich saß auf dem Toilettendeckel, meinen Kopf nach vorne gebeugt, auf dem Boden ausgebreitetes Papier und in seiner Hand ein auf 2 cm eingestellter Haarschneider. Und er schob ihn. Und er schob ihn. Und er wuschelte durch mein Haar und schob ihn. Und ich sah ihn ängstlich, mit Tränen in den Augen an, da ich doch einen Teil meines weiblichen Daseins verloren habe. Und er wuschelte lächelnd durch mein Haar, fast jubelnd, wie gut es mir doch steht, gar nicht so schlecht, im Gegenteil! Und womit er mich überzeugt hat, ist, dass er mich nicht nur tröstet, sondern dass seine Augen seit Wochen zum ersten Mal wieder kindlich funkelten. Wie davor. Also beendeten wir das Haare schneiden mit einem Lachen.

Die Liebe, die ich für sie empfinde, ist unbeschreiblich. Ein Leben wird nicht genug sein, um ihnen zu danken. ❤️

Also bin ich angekommen. Die ersten drei Tage waren komisch. Alles fremd. Im Vergleich zum Krankenhauszimmer alles infiziert. Ich habe mich nicht getraut, irgendetwas anzufassen, habe mich mit Desinfektionsmittel begossen. Samstag habe ich mich noch ausgeruht, bin nur spazieren gegangen, aber Sonntag habe ich schon Rindersuppe gekocht… wie sehr ich doch nach den künstlichen Krankenhaussuppen Lust darauf hatte. Und ab Montag habe ich dann gekocht. Jeden Mittag etwas, wonach ich mich gerade sehnte. 🙂

Montag haben wir Blut abgenommen, das Ergebnis ist Dienstag angekommen und laut dem ist alles in Ordnung, die weißen Blutkörperchen hatten fast einen normalen Wert. Ab dem Punkt war ich nicht mehr so ängstlich, ich habe die Familie öfter umarmt und auch den Hund gestreichelt. Apropos, Hund. Ihre Trainerin meinte, wir sollen uns nicht wundern, wenn Molly mich ignoriert, mir aus dem Weg geht. 5 Wochen sind eine lange Zeit + mein veränderter Geruch….sobald sie mich gesehen hat, hat sie gebellt, hat sich an mich gekuschelt, ist zur Seite gegangen, hat sich wieder vor mich gestellt für ein bisschen Streicheln, von wegen sie ignoriert mich! Danach hat sie mich bewacht. Sie hat sich immer zu meine Beine gelegt.

Ich habe ja eine Liste erstellt, was ich alles tun möchte, solange ich zu Hause bin. Banale Liste, aber diese Dinge hätten mich im Krankenhaus glücklich gemacht.

Die Liste von zu Hause:

Ratatouille ✅ Ei mit Schinken ✅ Kartoffelnudeln ✅ Tomaten-Sahne Nudeln ✅ Suppe mit Nockerln ✅Dödölle ❌ Sex ✅ noch mehr Sex ✅ganz, ganz viele Umarmungen ✅ Lángos ✅ Hähnchensuppe ✅ Spaziergänge ✅ Fahrradfahren ✅ Zucchini-Kartoffelpuffer ✅ GRILLEN ✅viel rohe Paprika und Tomaten ✅ Eis ✅entspannen im Liegestuhl ✅ so viel Zeit auf der Terrasse verbringen, wie möglich ✅ Mc Donald‘s ✅viele Unterhaltungen, viel Zeit mit den Kindern ✅

Ich habe sehr gut gegessen, gelacht, aber nebenbei habe ich mich auch viel ausgeruht. Netflix ist eine riesen Erfindung! Ich bin viel spazieren gegangen, war oft diejenige, die gemeint hat, wir könnten noch weiter weg gehen.

Botonds Abitur-Entlassfeier war ein wunderschönes Erlebnis. Schon alleine die Tatsache, dass ich krebsfrei dort sein konnte, meine Perücke schon fertig war und die Leute mich deshalb auch nicht angestarrt haben. Ich war voller Stolz, weil ich einen gut aussehenden Jungen auf dem roten Teppich habe nach vorne gehen sehen und dieses Kind war meins ❤️❤️ Der gute Durchschnitt ist nur eine Zugabe. Wir haben uns Essen aus einem Restaurant nach Hause geholt. Laut meines Blutbildes hatte ich schon ein Immunsystem und der Wirt bereitet immer alles frisch aus selbst angebautem Gemüse zu, weshalb wir es riskiert haben. Wir haben es nicht bereut. Roding Restaurant Maro – es lohnt sich öfter dort zu essen.

Die Wahrheit ist, dass ich keine Lust zum Schreiben hatte, während ich zu Hause war. Ich habe lieber die Farben meines Zuhauses in mich aufgesaugt, die gewohnten kleinen Wutanfälle, Streitereien, es war gut, mich gesund zu fühlen. Meine Besucher, ausschließlich auf der Terrasse, haben meine Tage versüßt. Mir hat am meisten gefallen, dass sie ängstlich kamen, mich musterten, ich habe die überraschten Gesichter genossen, dass man es gaaarnicht sieht. 😂

Jetzt wieder Krankenhaus, aber das wird ein nächstes Thema sein.

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