Die viertägige Chemo ist vorbei. Nebenbei nehme ich noch die Chemotabletten. Im Grunde ist der Sinn der Therapie, dass sie alles, was ich bei meinem letzten Aufenthalt Zuhause aufgebaut habe – das perfekte Blutbild, die schöne Haut, die schönen Nägel, den gesunden Mund – zerstören soll, wieder auf das Level der Isolation, damit mein Knochenmark wieder gezwungen wird hart zu arbeiten. Am 5. Tag haben sie mich wieder aus dem Krankenhaus entlassen, mit der Bedingung, dass mir ständig Blut abgenommen werden muss und ich sofort ins Krankenhaus zurück muss, sobald die Werte unter einen bestimmten Wert sinken oder ich Fieber bekomme.
Jetzt warten wir. Wir warten auf die schmerzhaften Nebenwirkungen, auf das Sinken der Werte. Ich muss ehrlich gestehen, das Gefühl ist beängstigend. Es ist in Ordnung, dass wir mit unseren Gedanken viel beeinflussen können, z.B. beschließe ich, dass es nicht wehtun wird, aber wo sind die Grenzen? Es ist eben doch eine Chemotherapie, ein Gift, das alle meine Zellen zerstört. Seit dem ersten Tag an spüre ich, dass sie arbeitet. Ich bin müder, mein Mund ist trocken, meine Haut ist wieder durchsichtig geworden, meine Nägel haben ihren Glanz verloren und sind wieder uneben. Seit 2 Tagen habe ich Halsschmerzen, aber meinen Mundschleimhäuten geht es noch gut und mein Magen nimmt auch noch alles auf. Ich warte. Ich warte auf die Übelkeit. Aber in einem Teil meines Gehirns lauert ein Gedanke: Werde ich die Ausnahme sein? Viele leiden so viel während der Chemotherapie, darf ich so frech sein, dass ich die Ausnahme bin?
Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit der Psychologin, aber eigentlich nehmen wir nicht mehr enorm wichtige Themen auseinander, wir genießen einfach das Gespräch. Ich habe gekocht. Die Krankenhauskost und das Nichtstun haben in meinem Gehirn den Wunsch nach dem Kochen geweckt. Da bin ich mein eigener Herr, ich steuere das Geschehen, experimentiere und während ich “gekocht habe”, habe ich einen Satz gesagt.
Meistens Koche ich nicht nach einem Rezept, ich koche aus dem, was ich habe.
Ich koche aus dem, was ich habe.
Und mir wurde etwas klar. Meine Einstellung zum ganzen Leben wird durch diesen Satz widergespiegelt. Ich wünsche mir keine außergewöhnlichen Dinge, ich wünsche mir nichts, was andere haben, ich suche nicht nach Antworten in der Vergangenheit, sondern nehme das als Basis, was ich habe. Sogar wenn etwas Schlimmes passiert, versuche ich, das beste daraus zu machen. Ich akzeptiere das Geschehene und baue darauf auf. Vielleicht seht ihr diese Kraft in mir. Die Bosheit, der Neid, das ist alles Gift. Schlimmer als die Chemo.
Aber Selbstmitleid ist mindestens genauso schädlich.
Ich habe Leukämie bekommen. Ich kann es nicht ändern. Ich akzeptiere es. Das ist mein Weg. Und ich werde ihn bis zum Ende gehen. Mit jeder Bitterkeit, jedem Gedanken, Schmerz und Leid. Mit einer Glatze. Mit all den Ängsten und Unsicherheiten, weil sie zu mir gehören. Aber ich verliere in keinem Moment den Glauben.
Ich glaube an Gott, an die Engel und ich glaube an mich.
Mir geht es gut. Nachts, wenn ich wach werde, fühle ich mich gesund. Gestern sind wir spazieren gegangen, auch das habe ich gut gemeistert. Ich habe schwache Momente, in denen ich mich hinlegen muss, aber insgeheim geht es mir gut, und das erfüllt mich mit Freude. Ich freue mich, wenn meine Familie nicht so mit mir umgeht, als wäre ich krank. Ich freue mich, wenn Freunde anrufen und mich um Rat fragen, auf mich zählen. Ich freue mich, wenn sie ihre Freude und ihr Leid mit mir teilen. Ich freue mich, dass ich die Zukunft plane und außer der Therapie plane ich nicht mit Krankheit. Ich freue mich, dass es meiner Familie, meinen Liebsten gut geht. Ich freue mich, dass sie erfolgreich sind. Ich freue mich für Lenke, dass sie jetzt entdeckt hatte, dass sie zeichnen kann. Ich freue mich ganz einfach, zu leben.