Heute bin ich nur müde. Ich glaube, dass der Moment gekommen ist, an dem ich mich auch darüber freue. Es ist ein sehr schöner Sommertag, zumindest sieht es aus dem Krankenhausfenster so aus.
Ich habe heute die dritte Chemo bekommen. Noch gibt es keine Nebenwirkungen. Nur die enorme Schwäche. Das schönste an heute ist, dass sie mich nicht mit Nadeln zerstochen haben. Gestern haben sie nicht einmal nach dem dritten Stich eine Vene gefunden, weshalb sie dann einen zentralvenösen Zugang an meinem Hals gelegt haben. Ziemlich morbid, wie die Tentakel aus meinem Hals hängen. 🙂
Heute habe ich das Tablet bekommen, damit ich endlich anfangen kann zu schreiben. Ich möchte mich selber einholen, ich weiß nicht, was der morgige Tag bringt, ob ich überhaupt Kraft haben werde.
DAVOR
DAVOR…….mein vorheriges Leben. Bis ich nicht wusste, dass etwas nicht stimmt. Bis zum 5. Juni 2020.
In den letzten Wochen bin ich leichter müde geworden, aber die tägliche Routine: Arbeit, Haushalt lief größtenteils. Okay, man könnte im Nachhinein vieles hineininterpretieren, das Wichtigste, ich habe meine Aufgaben erledigt, aber gespürt, dass ich müde werde, weshalb ich mir eine Woche freigenommen habe.
Am Pfingstmontag haben wir mit der Familie einen anstrengenderen Ausflug in den Wald gemacht, mit dem Hund. Ich war sehr stolz auf mich, dass ich durchgehalten habe. Im Nachhinein hatte ich extrem viel Glück, dass nichts passiert ist.
Die Nachmittage sind etwas seltsam gewesen, ich war mehr am Faulenzen, als sonst, aber währenddessen überkam mich so ein Gefühl des Desinteresse, also habe ich ohne jedes Schamgefühl meine Netflixserie geschaut, womit ich aber die Familie ziemlich zum Ausrasten gebracht habe. 🙂
Der springende Punkt ist, dass ich meine blauen Flecken beobachtet hatte, die ich mir auf den Felsen beim Herumspringen zugezogen habe.
Sie wurden immer mehr.
1. TAG -05.06.2020
Als ich Freitagmorgen an meinem Unterbauch einen blauen Fleck entdeckt hatte, habe ich Bada gesagt:
-Hey, ich glaube nicht, dass ich mich hier angehauen habe!?
Er hat sofort Blut abgenommen und es sofort zur Notfalluntersuchung abgeschickt, als er in die Hausarztpraxis kam.
Ich bin arbeiten gegangen, wo ich immer mehr kleine blauen Flecken an mir entdeckt habe. Ich habe sogar noch scherzhaft zu meinen Kollegen gesagt, dass das wohl die Leichenflecken sind. 🙂Aber meine Nase hat sogar zweimal geblutet, obwohl das noch nie so war. Ich habe mir ein wenig Sorgen gemacht, aber was soll mir denn fehlen, außer vielleicht Nebenwirkungen von meinen Medikamenten? Mittags habe ich die Arbeit für 1 Woche Urlaub verlassen, die Kollegen haben mir gute Erholung gewünscht.
Plötzlich hat das Telefon geklingelt. Dr. Schröpfer, Badas Chef.
- Warum hast du deiner Frau Blut abgenommen?
- Weil sie lauter blaue Flecken hat.
- Aha. Kein Wunder. Wir treffen uns in der Praxis.
Bada ist nervös geworden. Nicht nur ein bisschen. Ich habe nicht wirklich verstanden, was passiert. In der Praxis lauerte schwarz auf weiß der Anfang meines neuen Lebens im Faxgerät.
Das Blutbild eine Katastrophe, Ergebnisse, die auf Leukämie hindeuten. Sofort haben sie Kontakt mit der Onkologie des Krankenhauses Barmherzige Brüder aufgenommen, wohin ich sofort aufbrechen musste. Ich habe einen kleinen Koffer, einen Kulturbeutel gepackt, habe meine Kinder umarmt und los ging’s. Bada hat mich gefahren, aber Botond ist mitgekommen, er wollte seinen Vater nicht alleine lassen. Die Mädels sind heldenhaft Zuhause geblieben.
Beim Krankenhaus war es brutal. Ich musste mich an der Pforte verabschieden. Mein Mann, mein Sohn und ich mit dem Koffer…Es war ein furchtbares Gefühl. Ich wusste nicht, was es ist, was auf mich zukommt, ob ich überhaupt lebend rauskomme. Wir standen dort, weinend, eng umschlungen.
Bei der Aufnahme habe ich vergeblich meine Einweisung gezeigt, sie haben mich gefragt, ob ich Atemnot habe, die ich – wegen der Blutarmut – bereits 2-3 Wochen hatte, weshalb ich einen roten Zettel bekam und sie mich alleine mit dem Corona-Lift auf die Corna-Station geschickt haben…Dort war ich geistesgegenwärtig genug, um Theater zu machen und so kam ich auf die richtige Notaufnahme.
Die Wartezeit war nervenaufreibend, Blutabnahme, Ultraschall, aber ich bin auf die Station gekommen, wo ich die erste Portion Chemotabletten in meinem Leben bekam.
2-3. TAG
Weil es Wochenende war, ist nicht viel passiert. Ständige Blutabnahmen, Infusionen. Am Samstag habe ich geweint. Ich hab’s nicht verstanden. Was ist das? Wieso? Warum jetzt? Aber ehrlich gesagt, musste ich keine Sekunde daran denken: Wieso ich? Im Gegenteil! Seitdem hatte ich oft das Gefühl, dass es gut so ist. Ich mach das tausendmal durch, aber zuzusehen, wie es einer meiner Kinder oder mein Mann machen müsste, das würde ich nicht schaffen. Also bin ich stark genug für so eine Herausforderung!!! Aber was mich erwartet? Keiner weiß es.
Bis zum heutigen Tag, obwohl es schon 3 Wochen her ist, dass ich ins Krankenhaus gekommen bin, habe ich nichts über meine Krankheit gelesen. Ich vertraue meinen Ärzten, und bekomme ausreichend Informationen auch von den Schwestern über die nächsten Schritte. Ich habe keine Lust, mich mit Horrorgeschichten zu unterhalten.
4.TAG
Sie haben mir Knochenmark entnommen. In meinem eigenen Bett. Aus meinem Brustbein. Mit lokaler Betäubung. Ich eingeschüchtert, ratlos, hab es aber mit ein paarmal keuchen durchgestanden. Ich hatte furchtbare Todesangst, aber zusammenfassend kann ich sagen, dass es so war, wie eine Wurzelbehandlung. Du weißt nicht, in welchem Moment es wehtun wird, aber du weißt, dass es wehtun wird. Wenn es dann soweit ist, bist du trotzdem überrascht. Ich dachte, der Chefarzt greift in meinen Brustkorb (eigentlich hat er das ja getan), mit so einer Kraft hat er die Instrumente in mich hineingedrückt. Danach bin ich mit einem Sandsack auf der Brust 1 Stunde gelegen.
Der Chefarzt war wegen der vorherigen Ergebnisse zuversichtlich. Er sagte, dass es so aussieht, dass ich eine sehr leicht heilbare, sehr seltene Art erwischt habe. Leichtere Chemo, weniger Nebenwirkungen. Aha. Super. Und jetzt?
Ich musste ständig die blauen Flecken beobachten, ob es neue gibt und sie haben so auf mich aufgepasst, wie auf ein gefärbtes Osterei. Ich war zuversichtlich, natürlich werde ich das schaffen, es überleben, es durchstehen, mit viel Lächeln im Gesicht, aber ich hatte keine Ahnung, was um mich herum geschieht.
5. TAG
1. Chemo – in einer Infusion, eine schöne, orange-rötliche Flüssigkeit. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht was auf mich zukommt. Ich hatte die Horrorgeschichten von Bekannten gehört und die Filmszenen gesehen. Außer ein wenig Fieber ist aber nichts passiert. Mir war nicht übel, keine Kopfschmerzen, gar nichts. Ich habe danach lang geschlafen, sonst war ich aber fit.
Ich muss jeden Tag noch 2*5 Chemotabletten schlucken – das ist das spezielle Medikament für meine Krankheit, mit der man die Nebenwirkungen vermindern kann und die Genesung erleichtert wird.
7-8.TAG
2. Chemo-währenddessen habe ich ein Katzen-Malbuch ausgemalt und „Enya“ gehört. Nachts habe ich gespürt, dass ich nur schwer Luft bekomme. Während den Untersuchungen am Morgen wurde klar, dass meine Lunge, mein Herz voll mit Wasser ist, und, dass sie sofort beginnen mussten, das Wasser rauszutreiben. Ich habe so gutes Zeug bekommen, dass ich innerhalb eines halben Tages 2L verloren habe + zweimal Krämpfe in der Niere hatte. Aber es war erfolgreich.
9-10.TAG
Wie ich schon oben geschrieben habe, die 3. Chemo. Mein Körper hat gut reagiert. Also das Einführen des zentralen Katheters in meinen Hals war kein Mädchentraum, aber es musste sein, weil sie keine Vene mehr gefunden haben + alles eingeblutet war. Mein Blut ist nicht geronnen, also sah ich tragisch aus. Jetzt bekomme ich alles durch den Katheter. Infusionen, sie nehmen mir dadurch das Blut ab. Das Rumgepiekse hat ein Ende, das ist eine große Erleichterung.
Die kleinen Fieberschübe haben begonnen.
11. TAG-15.06.202
4. Chemo-das war´s jetzt erstmal.